* 34 *

34. Die grosse rote Tür
Stadt

Das Dunkelfeld endete an den Anwanden.

Langsam war es schwächer geworden. Als Erstes hatten sie wieder Donners Hufschläge gehört, anfangs noch gedämpft und wie von fern, doch mit jedem Schritt lauter und deutlicher. Verschwommene Schatten nahmen erkennbare Formen an – zunächst hörte, dann sah Lucy den zerquetschten Schuh Marcellus Pyes. Aber dass sie die Grenze erreicht hatten, wussten sie erst, als sie in einiger Entfernung den Schimmer eines Binsenlichts ausmachen konnten. Der schwarze Nebel lichtete sich, und sie stellten fest, dass sie sich in einer Gasse unweit von Ma Custards Süßwarenladen befanden. Es war, als wäre ihnen eine schwere Last von den Schultern genommen. Sie tauschten gespannte Blicke – Simon Heap sahen allerdings nur Lucy und Sarah in die Augen. Niemand sprach ein Wort.

Endlich dem schwarzen Nebel entronnen, schnaubte Donner und zerrte an dem Strick, an dem ihn Jenna hielt. Sie ließ ihn los, und als er geräuschvoll nach hinten an die Seite seines Herrn drängte, sah sie zu ihrer Überraschung, dass sich eine Ratte an seine Mähne klammerte.

»Stanley?«, fragte sie, aber Stanley antwortete nicht. Er hatte die Augen zugekniffen und murmelte etwas, was sich wie »du dumme, dumme Ratte« anhörte. Jenna fand, dass er nicht glücklich aussah.

Marcellus schaute sich nervös um. Am Rand eines Dunkelfelds war man keineswegs sicher. Hier patrouillierten die Gespenster, die unablässig seine Grenzen erweiterten und das Feld nach außen zogen. Er legte einen Finger auf die Lippen, und wie immer, wenn er nervös war, verfiel er in seine altertümliche Sprache, als er Jenna flüsternd fragte: »Und jetzo, Prinzessin? Wohin?«

Jenna deutete auf das einsame Binsenlicht, das den Eingang zu den Anwanden erhellte, zu dem sie wollte – ein baufälliger Torbogen, überwuchert mit Efeu und einer lila blühenden Pflanze, die in der Burg aus ungepflegten Mauern spross. Natürlich trug sie jetzt, mitten im Winter, keine lila Blüten mehr, aber ihre holzigen Zweige hingen weit herab und streiften ihre Köpfe, als die Gruppe durch den alten Steinbogen in die Stille der Anwanden trat.

Septimus schickte seinen Dunkelschleier eilends in die Zunderbüchse zurück, indem er leise die Worte »Bah Knad, ettib erhek mieh« murmelte. Der Schleier faltete sich so dünn zusammen wie ein Stück Seidenpapier. Septimus drückte den Deckel fest auf die Dose und steckte sie zurück in seine tiefste Tasche, in der sich auch der kostbare Schlüssel zu Verlies Nummer Eins befand.

»Ich lege einen Schutzschirm über den Torbogen«, sagte er. »Das wird die Dunkelheit etwas länger draußen halten.«

Marcellus erhob Einspruch. »Nein, Lehrling. Wir dürfen keinen Hinweis darauf geben, dass wir diesen Weg genommen haben. Wir müssen alles so lassen, wie wir es vorgefunden haben.«

Nun, da das Dunkelfeld hinter ihnen lag, zerfiel die Gruppe in ihre natürlichen Bündnisse, und das bedeutete, dass Septimus und Simon größtmöglichen Abstand voneinander hielten. Marcellus und Septimus gingen voraus. Simon, von Lucy und Sarah in die Mitte genommen, blieb zurück und machte viel Aufhebens um Donner, um die Verlegenheit zu verbergen, die er Jenna und Septimus gegenüber empfand. Jenna lief zwischen den beiden Gruppen hin und her wie ein Magnet, angezogen von ihrer Mutter und abgestoßen von Simon. Schließlich, nachdem sie zweimal falsch abgebogen waren, begab sie sich nach vorn zu Marcellus und Septimus und übernahm wieder die Führung.

In dieser Nacht hatten die Anwanden etwas Beklemmendes. Normalerweise herrschte hier in der Längsten Nacht eine fröhliche Stimmung. Die Türen standen weit offen und ermöglichten einen Blick in einladende, von Kerzenlicht erstrahlende Räume mit festlich gedeckten Tischen, auf denen sich Köstlichkeiten vom Händlermarkt türmten. An den Tischen saßen Menschen und plauderten mit Freunden, und auf den Fluren spielten Kinder, die länger aufbleiben und herumtoben durften. Es waren stets lärmerfüllte Stunden voller Ausgelassenheit und guter Laune, zu der auch die Teller mit süßen Keksen und allerlei Naschwerk beitrugen, die nach altem Brauch neben die zahlreichen Kerzen gestellt wurden, die auf jedem freien Sims in den Durchgängen brannten.

Doch als Jenna jetzt die anderen durch die leeren Korridore führte, drangen nur leise, sorgenvolle Gespräche und da und dort das Quengeln eines enttäuschten Kindes durch die geschlossenen Türen. Es war, als warteten alle auf das Losbrechen eines gewaltigen Sturms.

Doch trotz der beklemmenden Atmosphäre warfen die Kerzen ihr warmes Licht auf die frisch gefegten Gänge, und die Teller mit den Leckereien standen unberührt in den Nischen, allerdings nicht mehr lange. Jenna, die seit ihrem »Köstlichen Turm« mit Beetle nichts mehr gegessen hatte, entdeckte mit Zuckerguss überzogene rosa Hasenkekse, eine Lieblingsspeise von ihr, und schnappte sich eine Handvoll. Septimus freute sich besonders über eine Schüssel mit Bananenbären, und selbst Marcellus genehmigte sich ein Sahnebonbon.

Und so gingen sie weiter durch die menschenleeren Korridore, nur begleitet von Donners Hufgeklapper. Das Klipp-Klapp lockte ein oder zwei besorgte Gesichter an die kleinen Fenster, die auf die Gänge hinausgingen, und manchmal wurde eine Tür einen Spaltbreit geöffnet, und angsterfüllte Augen spähten heraus. Aber die Türen wurden sogleich wieder zugeschlagen und die Kerzen im Fenster gelöscht – anscheinend fasste niemand neuen Mut beim Anblick des Außergewöhnlichen Lehrlings in Begleitung einer Hexe, eines alten Alchimisten und dieses in Ungnade gefallenen jungen Heap – wie hieß er noch gleich?

Mit Rücksicht auf Donner wählte Jenna den Weg über die sogenannten Wagenrampen – schräge Aufgänge ohne Treppenstufen. Wagenrampen waren länger, wenn auch nicht unbedingt breiter, als die normalen Gänge, die immer wieder von steilen Treppen unterbrochen wurden. Wie der Name schon sagt, waren sie speziell für Wagen angelegt, die zum Alltag der Anwanden gehörten und besonders für die Bewohner der oberen Stockwerke unverzichtbare Hilfsmittel waren. Es gab Wagen mit zwei, vier oder sechs Rädern. Für die Bewohner der unteren Stockwerke waren sie eine Plage, besonders spät in der Nacht, wenn halbwüchsige Rabauken ihre Gefährte die steilsten Rampen hinaufschleppten und dann durch die Stockwerke nach unten donnerten. Zweirädrige Wagen waren bei diesem Zeitvertreib am beliebtesten, denn sie ließen sich leichter steuern und hatten den Vorteil, dass man die Haltebügel als Bremse benutzen konnte, wenn man sich im richtigen Augenblick zurücklehnte. Doch heute Nacht bestand keine Gefahr, von einem »Aus der Bahn« brüllenden Rabauken über den Haufen gefahren zu werden. Alle Rabauken saßen verängstigt hinter verschlossenen Türen, hatten Langweile und mussten nett zu ihren Tanten sein, die bei ihnen zu Besuch waren – während die Tanten selbst zuriefst bereuten, in die Burg gekommen zu sein, um hier die Längste Nacht zu feiern.

Die Gruppe stapfte die letzte und mit Abstand steilste Rampe hinauf, auf deren blanken Steinen Donners Hufe abrutschten, und trat schließlich erleichtert auf einen breiten Gang, der bei den Einheimischen unter dem Namen Dicke Bertha bekannt war. Die Dicke Bertha schlängelte sich wie ein träger Fluss durch das Obergeschoss, und viele Seitengänge zweigten von ihr ab. In kaum einem anderen Teil der Anwanden war es so schwierig, sich zurechtzufinden. Manche Korridore waren Sackgassen, sahen aber nicht wie solche aus, während andere wie Sackgassen aussahen, aber keine waren. Die meisten hatten so viele Biegungen und Kurven, dass selbst Ortskundige sich bisweilen verirrten.

Doch Jenna hatte bei ihren Orientierungsläufen durch die Anwanden stets Bestnoten erhalten, und jetzt zeigte sie, warum. Den Schlüssel zu der großen roten Tür wie einen Kompass vor sich her tragend, führte sie die anderen schnurstracks über die Dicke Bertha in einen Korridor, der wie eine Sackgasse aussah, aber keine war. Die Mauer am Ende war nur eine Trennwand, hinter der sich die Eingänge zu zwei Durchgängen verbargen. Jenna umkurvte die Wand, die mit einer Reihe bunter Gefäße geschmückt war, in denen jeweils eine lange, schmale Kerze in einem Haufen Lutschbonbons steckte, und bog in den rechten Gang ab. Es war eine enge Kurve, und Donner hatte Mühe, nicht stecken zu bleiben. Jenna fragte sich, ob Donner in dieser Enge nicht Angst bekam, aber für ein Pferd, das seinen Stall in einer alten Landwurmhöhle gehabt hatte, waren die Gänge in den Anwanden noch vergleichsweise luftig und geräumig.

Der Gang mündete in einen Brunnenhof, einen kreisrunden Platz unter freiem Himmel. In der Mitte erhob sich der Brunnen, geschützt durch eine niedrige Mauer und einen Holzdeckel, auf dem drei Eimer unterschiedlicher Größe standen. Über dem Brunnen war ein komplizierter Flaschenzug angebracht, mit dem sich aus der großen Frischwasserzisterne in den Fundamenten der Anwanden ohne Anstrengung schwere Eimer heraufziehen ließen. Binsenlichter warfen ein weiches Licht auf die glatten, feuchten Steine, die so warm waren, dass die spärlichen Schneeflocken, die auf sie herabrieselten, sofort schmolzen. In die Wände waren mehrere abgenutzte Steinbänke eingelassen. Darauf standen Gläser mit Kerzen und Teller mit eingepackten Süßigkeiten, die dem Brunnenhof ein festliches Aussehen verliehen. Doch selbst dieser beliebte Treffpunkt war, wie alle anderen, verlassen.

Jenna wartete am Brunnen, bis alle zu ihr aufgeschlossen hatten. Sie fing Sarahs Blick auf und lächelte ihr zu, in der Hoffnung, dass sie den Platz wiedererkannte, an dem sie früher immer Wasser geholt und stundenlang mit Nachbarinnen geschwatzt hatte. Doch zu Jennas Kummer erwiderte Sarah ihren Blick nur mit ausdruckslosen Augen.

»Wir sind gleich da«, sagte Jenna, bemüht, ihre gute Laune zu bewahren.

»He, Jens«, rief Simon, »weißt du noch, wie dir dein Teddy in den Brunnen gefallen ist und ich ihn mit einem Eimer herausgefischt habe?«

Jenna beachtete ihn nicht. Sie war der Meinung, dass Simon nicht das Recht hatte, sie bei dem Namen zu nennen, mit dem er sie früher, bevor er sie entführt hatte und umbringen wollte, immer gerufen hatte – nicht das geringste Recht. Sie wandte sich abrupt ab und lief mit großen Schritten einen schmalen, weiß getünchten Korridor hinunter, den bunte Kerzen säumten. Ungefähr eine Minute später führte sie die Gruppe, nachdem sie eine weite Schleife abgekürzt hatte, wieder auf die Dicke Bertha zurück. Eine letzte Kurve, und sie bog in einen breiten Gang ab, dies war die Hin-und-Zurück-Straße.

Augenblicke später stand Jenna vor der Tür des Zimmers, in dem sie die ersten zehn Jahre ihres Lebens zugebracht hatte.

Die Tür sah anders aus. Sie war nicht mehr verschrammt und trostlos schwarz, sondern leuchtend rot gestrichen wie in der »guten alten Zeit« – so sagten die Leute immer noch. Jenna hielt den kostbaren Schlüssel in der Hand, mit dem Silas jeden Abend die Tür verschlossen hatte und der, wie sie noch wusste, die übrige Zeit an einem Haken am Kamin gehangen hatte. Niemand außer Silas und Sarah hatte den Schlüssel anrühren dürfen, denn er war, wie Silas ihnen eines Abends erklärt hatte, als der Haken aus der Wand gebrochen war und Maxie den Schlüssel unter seiner Decke versteckt hatte, ein kostbares Familienstück. Die große rote Tür samt Schloss und Schlüssel (und der Inschrift Benjamin Heap auf dem Türbogen) war das Einzige, was Silas von seinem Vater geerbt hatte.

Jenna wusste genau, was sie mit dem Schlüssel zu tun hatte. Sie reichte ihn Sarah.

»Schließ du auf, Mom«, sagte sie.

Sarah nahm den Schlüssel und betrachtete ihn.

Jenna beobachtete sie nervös. Sie blickte kurz in die Runde und bemerkte, dass auch die anderen Sarah beobachteten. Selbst Marcellus. Sarah starrte den großen Messingschlüssel in ihrer Hand lange an – den anderen kam es wie eine halbe Ewigkeit vor. Dann, ganz langsam, schien die Erinnerung in ihren Augen auf, und sie begann, zaghaft zu lächeln.

Zögernd schob sie den Schlüssel ins Schloss. Die Tür erkannte Sarah, und als diese den Schlüssel ganz leicht zu drehen begann, erledigte das Schloss für sie den Rest, und die Tür sprang auf.

Septimus Heap 06 - Darke
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